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17.01.2022

Was unser Mittelstand von den Jungen lernen kann – Start-ups unter der Lupe

Von Linda Theurer
FührungSelbstorganisation

Start-ups machen intuitiv viel richtig. Sie agieren aus ihrem Gefühl heraus, gehen nach dem gesunden Menschenverstand, betrachten Neues frei, neugierig und unverkopft. Sie probieren einfach aus. So behandeln Start-ups auch Themen wie Personal, Struktur, Führung und Innovation ganz anders als wir das bisher gewohnt sind.

Was unser Mittelstand von unseren Jungen lernen kann, warum es für ihn überlebenswichtig ist und wie er damit beginnt, das zeige ich in diesem Blog.

Sie geben Machtspielchen keine Macht

Der Mittelstand kann und muss von den Jungen lernen. Sie zeigen, wie es geht, schnell und einfach die richtigen Mitarbeiter zu finden, Personal zu motivieren und loyal zu halten, entspannt zu führen und ein innovatives kundenorientiertes Umfeld zu schaffen, indem sich jeder einzelne mit unternehmerisch einbringen und entwickeln kann. 

Warum gelingt ihnen das? Zum einen haben Start-ups ein anderes Verhältnis zur Macht. Während in unseren KMUs nach wie vor  verschiedenste Mächte wirken, wie die:

  • Macht der Belohnung (Gehalt, Anerkennung, Aufstiegsmöglichkeiten)
  • Macht der Bestrafung (Gehalt, Degradierung, Versetzung, Ausschluss aus Teams, ...)
  • Legitimationsmacht (formale Position im Unternehmen)
  • Expertenmacht (Weiterbindungsmöglichkeiten, Coach, ...)
  • Wissensmacht (Isolation von Wissen, Freigabe- und Zugriffsmanagement, …)
  • Identifikations-/Beziehungsmacht (soziale Verbindungen nach „oben“ oder zu „mächtigen“, „Vitamin B“…)

… geben Start-ups Macht keine Macht.

Stattdessen geben sie ihre Macht den unterschiedlichsten (diversen) Kompetenzen. Die gewohnte Machthierarchie weicht bei ihnen einer agilen Kompetenzhierarchie.

Wird diese im Team gelebt, bedeutet das, dass sich Kompetenzen ständig verändern, sie sich dem Markt anpassen und je nach Projekt anders eingesetzt werden.

„Ich glaube, Machtausübung ist der zentrale Misserfolgsfaktor von Innovationsprozessen. Ich betrachte Innovation auch als sozialen Prozess."   Ulrich Klotz  Expertengruppe "Zukunft der Arbeit" beim Bundeskanzleramt

Sie sind Musterbrecher

Start-ups sind weniger geprägt von alten Mustern wie „oben und unten“, „Wissen ist Macht“, „Prozesse anweisen“, „Gewinn als Unternehmenszweck“, „es braucht einen der führt“, etc.

Sie erfinden nicht nur ein neues Produkt oder eine neue Dienstleistung, sondern auch das Unternehmen, also sich selbst stetig neu.

Und da sich der Markt von kompliziert zu komplex entwickelt hat und Unternehmen immer schneller funktionieren müssen, bleiben sie ganz einfach im Erfindermodus.

Headline: „Start-ups sorgen für Wirtschaftswunder 2.0   Arbeitsmarkt könnte bis 2030 enorm wachsen.“

Sie leben Innovation

Start-ups wissen, dass Innovation nicht nur bedeutet, neue Produkte zu erfinden, sondern auch neue Prozesse zu entwickeln und die Organisation stetig zu verbessern. „Haben wir immer schon so gemacht“, ist bei ihnen ein Satz, den man nicht hört.

Doch was genau ist Innovation? Und wie wird ein Unternehmen innovativ? Erstens, sie müssen es nicht werden, sie sind es bereits und zweitens,  erfinden Start-ups ihr Handwerkszeug kurzerhand – aus der Not heraus – neu.

„Um den verteilten Innovationsprozess zu fördern, ist eine entsprechende Organisation die Voraussetzung.“  – Eric von Hippel Professor und Leiter der Innovation & Entrepreneurship Group an der MIT

Somit sind Begriffe wie „Innovations-Management“, „Change-Management“ oder „Ideen-Management“ unbekannte Wortschöpfungen aus einer längst vergessenen tayloristisch geprägten Industriezeitalters. 

Geprägt und aufgewachsen im Wissenszeitalter, wo sich Menschen durch wenige Klicks auf der ganzen Welt vernetzen und innerhalb von Sekunden an die gewünschten Informationen kommen, brauchen sie Innovation nicht künstlich zu „managen“. Alles, was sie brauchen, sind Strukturen, die Innovation, zulassen, bzw. nicht ausbremsen.

Solche Strukturen sind geprägt durch stetige Kommunikation auf Augenhöhe, Netzwerkbildung, einem Schaffen von Verbundenheit, gelebten Werten, gemeinsamen Zielen und einer Führung, in einer neuen Rolle, der des Servant Leader.

Ist diese Struktur gegeben, entwickelt sich Innovation automatisch aus einem komplexen System innerhalb einer Organisation und wird geprägt durch Motivation, Wissen, Kreativität und einer wertebasierten Organisation.

Sie organisieren sich selbst

Wenn Unternehmen nach ihren Wünschen gefragt würden, was würden sie antworten? Vielleicht „Ich möchte …

  • schnell und anpassungsfähig sein
  • komplexe Lösungen finden
  • effizient sein
  • sichtbar auf dem Markt
  • Magnetismus für die richtigen Kunden und Mitarbeiter
  • in ständiger Veränderung sein
  • Krisen nutzen

Start-ups haben einen Purpose – sie leben nach ihrem „Warum“. Sie richten ihr Handeln nach ihrem Warum aus und sind dadurch greifbar, klar und authentisch. Sie ziehen die Mitarbeiter und Kunden an, die das gleiche Warum leben. Gehalt und Gewinn sind darum zweitrangig. Sie leben nach dem Motto „Wir verbessern die Welt“ – das spricht an, besonders die gebildeten jungen Mitarbeiter.

Headline: „Technologie-Startups sammeln trotz Corona-Krise mehr Geld ein.“

Das Schaffen von strukturellen Veränderungen geschieht durch Transformation und nicht durch Change-Management. Während Change von außen vorgegeben wird und in Menschen zu Frust, Widerstand und Boykott führt, passiert Transformation aus sich selbst heraus.

Bei der Transformation hingegen fokussiert sich das Team nicht auf den Soll-Zustand, sondern nimmt den Ist-Zustand wahr. Es wird nicht durch Tools und Methoden auf der Unternehmensebene hantiert, sondern mit Bewusstseinsentwicklung beim Individuum.

Menschen schaffen für sich und ihre Teams die perfekten Strukturen erst dann, wenn sie verstanden haben, wer sie sind, was sie brauchen und wie sie funktionieren.  Nicht als Mitarbeiter, sondern als Menschen. 


„Transformationale Führungskultur macht Unternehmen besser.“  – Stepstone

Sie behandeln ihr Personal wie Menschen

Wenn Mitarbeiter, also Menschen wie du und ich, nach ihren Wünschen gefragt würden, was würden sie antworten?

Vielleicht, „Ich möchte …

  • Selbstbestimmung
  • Erfüllung und Glück
  • Impact / Purpose / Sinn
  • Entwicklung
  • Teilsein von etwas Großem
  • Selbstfindung

Start-ups haben verstanden, dass es die Menschen sind, die das Unternehmen in die Zukunft führen werden. Menschen verändern sich stetig, haben ihre eigenen Pläne, Ziele, Bedürfnisse und Träume. Darum ist es nur sinnvoll, sich mit den Menschen im Unternehmen zu beschäftigen - und nicht mit den Ressourcen, dem Personal oder den Mitarbeitern.

„Wer Menschen beschäftigt, muss sich mit Menschen beschäftigen."


Weißt du es? Inwieweit ist die Erfüllung der oben genannten Wünsche in deinem mittelständischen Unternehmen möglich? Und was kannst du tun, um als Arbeitgeber erste Schritte in diese Richtung zu gehen?

Gute Neuigkeiten: deine Mitarbeiter wissen genau, wie das geht. Vertraue ihnen, dass sie die richtigen Entscheidungen zugunsten von sich selbst, dem Gesamtteam und dem Unternehmen treffen.

Alles was sie dazu brauchen ist Raum, einen Impulsgeber und deinen Support.

Sie führen grundlegend anders

Ich möchte:

  • eine neue Führungsrolle finden
  • Entlastung
  • selbstbestimmt sein
  • Freiräume schaffen für Neues
  • Selbstfindung
Das sind einige der Antworten, wenn wir Geschäftsleute und Geschäftsführer im Mittelstand fragen, was sie sich wünschen. Sind diese Wünsche mit Ressourcen, Personal und Mitarbeitern realisierbar? –Unmöglich. Sind diese Wünsche mit angestellten Mitunternehmern umsetzbar? – Aber sicher!
Die wichtigste Herausforderung geschieht also in der Spitze, bei der Geschäftsführung und den Führungskräften. Denn in der Wissensgesellschaft brauchen Menschen keinen mehr, der delegiert, kontrolliert, kritisiert und motiviert. Das können sie alleine. Um so mehr brauchen sie eine Führung im neuen Rollenverständnis. Einen Servant Leader.

Dieser:

  • ist Meister der Beziehungsgestaltung und denkt in Rollen
  • gibt Macht und Verantwortung ab
  • verlagert die Verantwortung für Zahlen, Daten, Fakten in die Teams
  • konzentriert sich darauf, die Potenziale seiner Mitarbeiter zu erkennen und zu entfalten
  • ist im ständigen Austausch mit seinen Teams
  • variiert seine Kommunikation am Grad der Komplexität und Vielseitigkeit der jeweiligen Aufgabe

Um eine neue Rolle als Führungskraft zu finden, ist es sinnvoll, sich als Team mit dem Thema Führung grundlegend auseinander zu setzen.

Fragen wie:

  • Warum brauchen wir Führungskräfte?
  • Was tun sie, was die Teams nicht selbst tun könnten?
  • Welche Rolle spielt in unserem Unternehmen Macht und Politik?
  • Wer trifft Entscheidungen und warum?
  • Welches Wort hat mehr Gewicht und warum?
… bieten eine Grundlage, sich der eigenen Strukturen, Kommunikationswege und gelebten Kultur auseinander zu setzen. 

Die Suche nach ehrliche Antworten auf diese Fragen, können also gar nicht anders als die Zusammenarbeit grundlegend zu verändern.

„Führungskräfte hemmen Innovationskultur.“  – Stepstone

Wie du die Start-up-Kultur zum Leben erweckst

Du hättest in deinem Unternehmen gerne mehr Start-up-Kultur? Menschen, die aktiv mitdenken? Lösungen finden? Sich am Kundennutzen orientieren? Für dein Unternehmen brennen? Klarheit, Transparenz und eine fließende Kommunikation? Ein Teamspirit? Täglich neue Ideen und Verbesserungsvorschläge, die selbständig umgesetzt werden? Eine Führungsrolle, die dich entlastet und dich dort hinsetzt, wo du hingehörst: zum Visionär und Impulsgeber?

Um dich mit deinem Team langsam aber sicher in diese Richtung zu entwickeln, brauchst du Klarheit. Klarheit bekommst du in den Überlegungen zu folgenden Fragen:

 Inwieweit:

  • siehst du die Potenziale der Mitarbeitenden als Grundlage für deine 
  • Unternehmensgewinne? 
  • bist du bereit, entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen?
  • bist du bereit, die Führungsrolle neu zu definieren und Macht und Verantwortung an die Teams abzugeben?
  • bist du bereit, formale Hierarchien und die entsprechende Kommunikation in Beziehungsgestaltung und beziehungsorientierte Kommunikation zu verwandeln?
Hier einige „Ja`s“ vorausgesetzt, gehts nun mit einfachen Schritten weiter.

Beginne damit:

  • Räume zu schaffen für die Entwicklung, Stärkung und Entfaltung aller Beteiligter
  • den Unternehmenssinn mit dem Lebenssinn aller Beteiligter zu verbinden
  • Werte mit Leben zu füllen: Geschäftsführer bestimmen die Haltung der Führungskräfte, Führungskräfte bestimmen die Haltung der Mitarbeiter
  • einen externen Impulsgeber zur Unterstützung zu holen, keinen Berater oder Trainer
  • den eigenen Umgang mit Macht zu hinterfragen

Auf eine spannende Transformationsreise in Richtung Start-up-Geist mit Geschichte, Erfahrung und Kompetenzen!

Buchempfehlungen:

  • Beyond Leadership von Matthias Mölleney und Sybille Sachs
  •  Reinventing Organizations von Friederic Laloux
  • Chef sein? Lieber was bewegen! Von Heiler&Borck
  • Das kollegial geführte Unternehmen von Bernd Oestereich und Claudia Schröder
  • Haltung entscheidet von Permantier
  • Alle Macht für niemand von Andreas Zeuch
  • The big five for Life von John Strelecky
  • Connectedness von Gerald Hüther und Christa Spannbauer
  • Haben oder Sein – die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft Erich Fromm