30.03.2022

Hallo Burnout

Von
MitarbeiterbindungFührungKultur

Burnout. Ein großes Wort und eine Krankheit, über die immer mehr und noch viel zu wenig gesprochen wird. Aber was bedeutet es eigentlich Burnout zu haben? 
 
Laut des Dorsch Lexikons für Psychologie ist “Burnout [engl. burn brennen, out aus], der Oberbegriff für best. Typen persönlicher Krisen, die mit eher unauffälligen Frühsymptomen beginnen und in völliger Arbeitsunfähigkeit oder im Suizid enden können.”

Die persönlichen Einblicke zweier Frauen, die einen Burnout erlebt haben:  

Vor dem Burnout 

Jana: Mein Burnout hat sich über viele Monate angekündigt. Mein Körper hat mir deutliche Signale gegeben, dass ich nicht mehr in Balance bin: chronische Sinusitis  ich hatte im wahrsten Sinne des Wortes die Nase voll; chronische Schmerzen im Fuß, die mir gezeigt haben, so kann ich nicht weitergehen bis hin zu Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten, geringer Motivation usw. Ich fühlte mich ausgelaugt und kraftlos. 

Meine Selbstfürsorge war gut, daher habe ich die vielen Warnzeichen zuerst nicht als solche erkannt; habe die vielen Momente, in denen ich im Job frustriert und fremdbestimmt war, erst spät in einen größeren Zusammenhang gebracht. Im Rahmen meiner Selbstfürsorge habe ich u. a. auf regelmäßige Mahlzeiten, ausreichend Schlafenszeit und Bewegung an der frischen Luft geachtet. Ich lebte gesund was sollte mir passieren? Selbstfürsorge ist essentiell und kann manchmal trotzdem nicht ausreichen. In meinem Fall kam es dadurch verspätet zum Burnout, verhindert habe ich ihn nicht. Dieses Mal. 

Anmerkung:  Was ist Selbstfürsorge? 

Bislang gibt es keine allgemeingültige Definition des Begriffes Selbstfürsorge. Auf Basis umfassender Literaturrecherchen und Trainingserfahrungen wurde von Dahl und Dlugosch (2020) folgendes Begriffsverständnis entwickelt: “Selbstfürsorge heißt, sich selbst liebevoll und wertschätzend zu begegnen, das eigene Befinden und die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen und aktiv zum eigenen Wohlergehen beizutragen.” 

Wie fühlt es sich an?  

Fiona: Für mich war Burnout gleichzusetzen mit Hilflosigkeit. Nicht mehr zu wissen, was wichtig und was belanglos ist. Nicht mehr richtig schlafen zu können. Das Gefühl, nur noch neben mir zu stehen und einfach nicht mehr ich selbst zu sein.  

Während meiner Zeit bei einem früheren Unternehmen ging es mir nicht schlecht. Ich wurde direkt herzlich aufgenommen und schnell Teil des Teams. Nach drei Monaten merkte ich jedoch, dass ich mit meinen Zielen und Wünschen nicht weit kommen würde. Meine Ideen und Meinungen wurden angehört, aber nicht gehört.  

Ich sprach viel mit meinem Freund darüber. Doch was ich mir da antat, wurde mir erst viel zu spät in einem Coaching bewusst als mir mein Coach sagte: „Wenn du so weitermachst, ist der Burnout nicht mehr weit entfernt.“ Ich schmunzelte nur und meinte: „Das kann nicht sein. Es ist zwar gerade stressig, aber ich habe schon weitaus Schlimmeres erlebt. Und die anderen kommen damit ja auch klar.“ Darauf er: „Jeder hat eine andere Schmerzgrenze, ein anderes Energielevel. Es ist nicht sinnvoll, andere mit dir zu vergleichen. Dein Körper versucht dich zu schützen, er gibt dir gerade Warnsignale   und du ignorierst sie.“ 

 
 

Jana: Ich habe mich hilflos gefühlt. Und mit der Hilflosigkeit kam Wut. Jede Menge Wut. Ich war wütend, dass ich im Job nicht gehört wurde, wütend, dass ich nicht selbstbestimmter handeln konnte und ich brauchte jeden Tag mehrere Stunden, um den tagsüber angestauten Frust abzubauen. Oft gefolgt von einer sehr unruhigen oder vollständig schlaflosen Nacht, um dann am nächsten Morgen denselben Kreislauf erneut zu starten. 
Nicht gehört werden, bestimmte Entscheidungen nicht selbst treffen zu können, machtlos zu sein, das hat mich fertig gemacht. Aber Moment mal… War ich wirklich machtlos? 

Manchmal muss man einfach auf den Ar… fallen  Fiona: Ich dachte viel über die Worte meines Coaches nach und ich würde gerne behaupten, dass ich direkt Konsequenzen gezogen hätte. Doch dem war nicht so. Ich machte noch zwei Monate so weiter. Ich zwang mich zum Arbeiten, gönnte mir keine Pausen und brachte trotzdem wenig Gutes zustande. Ich konnte mich einfach nicht konzentrieren. Selbst unsere Feierabendserie nahm ich kaum noch wahr.  

Vielleicht hätte ich noch etwas länger durchgehalten, doch dann veränderte sich etwas auf der Arbeit. Meine Kollegen sprachen anders mit mir, mein Chef machte Andeutungen und ich realisierte, dass ich mich wirklich verändert hatte. Ich zog mich immer mehr zurück, sagte Verabredungen mit Freunden ab, lag stundenlang auf der Couch und ließ mich gehen. Ich nahm an Gewicht zu, fühlte mich in meinem Körper unwohl. 


Kurz vor meinem Feedbackgespräch zum Ende meiner Probezeit wusste ich in meinem Inneren, dass ich so nicht weitermachen konnte, auch wenn das bedeutete, wieder bei null anzufangen. Wieder neu anfangen. Schon der Gedanke daran drückte mich nieder.  


Während des Gespräches wurde beiden Seiten klar, dass die gegenseitigen Erwartungen nicht erfüllt wurden. Wir entschieden, getrennte Wege zu gehen. Ich bekam meine Kündigung. 

Der Weg aus dem Burnout 
 
Jana: Immer an meiner Seite: mein Partner. Einer der Menschen in meinem Leben, der mir immer zuhört, sich immer Zeit nimmt, immer da ist. Der Mensch, der mir Perspektive gibt und Möglichkeiten aufzeigt, wenn ich selbst nicht weiterweiß, und der mich über alle Höhen und Tiefen hinweg begleitet. Mein Partner war es, der mir deutlich gemacht hat, dass ich ganz und gar nicht machtlos bin. Ich kann entscheiden. Ich muss nicht aushalten, was ich nicht ertragen kann. Als mir das irgendwann wirklich bewusst geworden ist hat sich alles geändert. Ich habe die Kraft gefunden zu handeln. Ich wusste, ich muss mich um meine Gesundheit kümmern ohne zu wissen wie lange das dauern würde. Ich habe mir ärztliche Hilfe gesucht und mich vom Job zurückgezogen, habe mich mit Menschen ausgetauscht, denen es ähnlich ging. Es hat lange gedauert bis ich das schlechte Gewissen abstreifen konnte, weil ich mein Team “im Stich lasse”, bis ich die Verantwortlichkeiten wieder richtig zuordnen konnte und sicher war, dass ich richtig handle. Die Zusammenarbeit mit meiner Coachin hat mir hierbei sehr geholfen und mich bestärkt für mich einzustehen und meinen eigenen Weg zu finden. 
Auch wenn die psychologische Betreuung in Deutschland durch die Krankenkassen gesichert ist, ist es u. a. wegen der anhaltenden Covid-19-Situation sehr schwierig einen Therapieplatz zu bekommen bzw. den richtigen Therapeuten / die richtige Therapeutin zu finden. Therapieplätze sind rar und mit der Person, der ich mich öffnen soll, muss es für mich auch auf persönlicher und emotionaler Ebene passen. Bisher hatte ich trotz monatelanger Suche noch keinen Erfolg, aber ich gebe nicht auf.  

Fiona: Auch ich hatte großes Glück. Das Glück, einen Partner zu haben, der mich aufgefangen und mich unterstützt hat. Das Glück, Arbeitslosengeld zu bekommen. Das Glück, einen Freundeskreis zu haben, der für mich da war.  So groß wie dieses Glück auch war, all diese Menschen konnten für mich da sein aber sie konnten mir nicht die Energie geben mich aus dieser Situation zu befreien.  

Der Tag nach der Kündigung. Ich erinnere mich an mein Gefühlschaos. Trauer, Enttäuschung, Erleichterung, Wut, Erschöpfung, Freude  alles auf einmal. Die erste Woche nahm ich mir bewusst frei. Danach tat ich wochenlang  nichts. Ich nahm mir zwar jeden Tag vor etwas zu tun, täuschte mich damit aber nur selbst. Ich überlegte mir eine Therapie zu machen  verwarf den Gedanken aber schnell wieder. “Einen Therapieplatz bekomme ich eh nicht”, dachte ich mir.  

Und dann, endlich. Genauso schleichend wie der Burnout kam, ging er auch wieder. Tag für Tag, Stück für Stück. Langsam fing ich an, morgens zeitiger aufzustehen. Wieder zu malen. Mir leckere Gerichte zu kochen. Mich zurecht zu machen. Ich fühlte mich wohler in meiner Haut. Jeden Tag wurde ich ein bisschen mehr ich selbst. 

Ich hörte in mich hinein: Was brauche ich, um wieder glücklich zu sein? Was wünsche ich mir von meiner zukünftigen Arbeit? Wie kann ich verhindern, dass ich wieder in so eine Situation komme? Ich begann damit Dinge aufzuschreiben, für die ich dankbar war. Alles, noch so jede Kleinigkeit. Es half.  

Hier und Jetzt  
 
Jana: Heute bin ich dankbar für die Reise und weiß einmal mehr, dass ich meiner Intuition und meinem Körper vertrauen kann, mir anzuzeigen, wenn etwas aus der Balance geraten ist. 

Ich habe viel über mich gelernt. Bin achtsamer geworden. Ich bin noch nicht am Ziel, aber auf dem Weg. 
Fiona: Heute sitze ich in meinem Sessel und schütte dir mit diesen Zeilen mein Herz aus. Es gibt kein Patentrezept, keine einfache Lösung. Ich kann immer noch nicht behaupten, dass ich diese Phase, diese Krankheit komplett überwunden habe, denn es braucht einfach seine Zeit. Ich erwische mich manchmal dabei, dass ich Zweifel habe und mich alleine fühle, dass ich erschöpft bin und morgens nicht aufstehen will und nicht mal wirklich weiß, warum.  

Dann mache ich mir bewusst, dass es immer wieder Tage geben wird, an denen es mir nicht gut geht und ich jeden Tag die Möglichkeit habe, mich davon nicht unterkriegen zu lassen. Ich habe großartige Menschen in meinem Leben. Ich bin dankbar. Ich höre auf meinen Körper. Gönne mir Pausen, wenn es zu viel wird. Und immerhin: Ich habe mich durch diese unschöne Zeit weiterentwickelt und dazugelernt.  

Tschüss Burnout  
 
Auch wenn wir kein Patentrezept bieten können, haben wir hier einige Tipps für dich: 


  • Selbsthilfegruppen findest du unter: https://burnout-selbsthilfe.de/ 
  • Sprich mit jemanden, es kann eine Person sein, die dir nahesteht oder jemand Fremdes, ein Coach oder eine Therapeutin. 
  • Teile deine Gefühle mit deinem Umfeld, sei transparent und mach dir keine Gedanken, was sie denken könnten. 
  • Tu dir etwas Gutes und lasse es zu, einfach nur auf der Couch zu liegen und Serien zu schauen, für manche mag es Zeitverschwendung sein, aber wenn es dir gut tut dann tu das! 
  • Frag dich selbst, was du gerade brauchst, höre auf deinen Körper, ist es Ruhe oder unter Menschen zu sein, deine Gedanken aufzuschreiben, dich zurückzuziehen? Was brauchst du? 
  • Erlaube dir, dich auszuruhen und habe Geduld, setz dich nicht unter Druck. 
  • Tu Dinge die dich glücklich machen, dreh´ die Musik auf und tanze durch deine Wohnung, gönne dir eine Massage. 
  • Achte auf deinen Körper, gehe spazieren, koche dir etwas Leckeres. 
  • Versuche, Stress zu vermeiden. Aber stress` dich nicht dabei ;-)
  • Nimm dir jeden Tag ein bis zwei To-Do's vor. Es können ganz simple Dinge sein, einen Spaziergang machen, meditieren, ein Buch lesen, ganz egal, nur schreib es dir auf und hake es ab, wenn du es getan hast, denn es ist so wertvoll und wichtig, dass du Erfolgsmomente hast. 

Fazit 

Die Anzahl der psychischen Erkrankungen, wie z. B. das sog. Burnout-Syndrom, nehmen weltweit zu. Neben vielen anderen Unwägbarkeiten hat Covid-19 hier leider als Katalysator fungiert, ist jedoch nicht als alleinige Ursache zu verstehen. 

Wir beide, Fiona und Jana, hatten Glück in stabilen Verhältnissen zu leben und Unterstützung sowohl in der Familie als auch im Freundeskreis zu finden. Auch professionelle Hilfe stand uns in der Arbeit mit unseren jeweiligen Coaches zur Verfügung. Uns ist bewusst, dass das nicht für alle Menschen zutrifft. 

Falls du betroffen bist, helfen dir hoffentlich die Tipps oben weiter. Denk immer daran, du bist nicht allein. Du bist nicht machtlos. 

Was hat das mit PEC zu tun?   
 
Wir wollen dazu beitragen, dass es gar nicht erst soweit kommt. Selbst die perfekte Führungskraft kann nicht alles sehen und wahrnehmen. Deswegen unterstützen wir Unternehmen dabei, durch Selbstorganisation im Team zu einer sinnerfüllten, achtsamen und effektiven Arbeit und Miteinander zu kommen.   
 
Wenn wir es schaffen, den Bedürfnissen der Menschen in ihren Unternehmen gerecht zu werden, diese zu würdigen und respektieren, dann sind wir im Kampf gegen Burnout einen großen Schritt weiter.   Danke Jana Mramor, dass du deine Geschichte mit uns geteilt hast!