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09.05.2022

Servant Leadership - als Alternative

Von Linda Theurer
FührungUnternehmensinn

Menschen, die kündigen, verlassen nicht ihr Unternehmen, sie verlassen nicht ihre Kolleginnen und Kollegen, ihre Kunden oder ihre Aufgaben - sie verlassen ihre Führungskräfte. Das bestätigt auch die Gallupstudie: Über 70 % gehen wegen ihrer direkten Führungskraft. In diesem Blogbeitrag richten wir unser Augenmerk darum auf die veränderte Rolle unserer Führungskräfte.

Die Führung hat sich in den letzten Jahren radikal verändert. Wer es mit jungen Menschen zu tun hat, ob Mitarbeiter oder Kinder, merkt schnell, dass die junge Generation so ganz anders tickt und denkt als unsereins.

Wo die Einen nun einen Schuldigen im Bildungssystem, den Eltern oder die erhöhte Mediennutzung suchen, nehmen die Anderen die Herausforderung an und beschäftigen sich intensiv mit dem Thema Digital Natives und New Leadership. Diese Menschen haben gemerkt, dass es höchst erfüllend und effektiv ist, mit der jungen Generation zu arbeiten. Doch diese reagiert weder auf Druck, noch auf Befehle, noch auf Belohnungen. Dafür umso mehr auf Sinnhaftigkeit, Wertschätzung, Selbständigkeit, Vertrauen und Entwicklungsmöglichkeiten.
Wir sprechen viel von selbst geführten Organisationen. Dennoch sind wir davon überzeugt, dass es nach wie vor Menschen braucht, die führen. Genauso wie es Menschen braucht, die sich gerne führen lassen. Von welchen Menschen lässt du dich gerne führen?
Sich intensiv mit dem Thema Führung zu beschäftigen, ist ein Grundbaustein erfolgreicher Unternehmen und ihrer Entwicklung in ein agiles Zusammenarbeiten.

New Ways Of Working

Was bisher “nice to have” war, ist heute Standard. Wer nicht schnell genug ist, wird abgehängt, wer keine Innovationen hervorbringt, verstaubt. Wer als Arbeitgeber nicht attraktiv genug ist, hat auf unserem Mitarbeitermarkt keine Zukunft.
Wo Agilität, Verantwortungsübernahme und Selbstorganisation gewünscht ist, muss sich die Führung radikal ändern. Der alte Führungsstil hat hier keinen Platz mehr. Vielen Unternehmen ist das noch nach wie vor nicht bewusst. Der Generationenkonflikt, führt zu enormen Konflikten, Missverständnissen und gigantischem Frust auf beiden Seiten, die der Mitarbeiter sowie die der Führungskräfte.

Also, welche Führungskraft brauchen Menschen von heute? Sie brauchen einen Leader im neuen Rollenverständnis. Einer der verbindet, der stärkt, der Räume schafft, der übersetzt, der wachsen lässt, der lobt, der ermutigt, der entlastet. Wir nennen ihn darum den servant leader.

Servant leadership als neue Führungsrolle

Es gilt entweder- oder durch sowohl-als-auch zu ersetzen. Wir brauchen Führungskräfte, die Brückenbauer zwischen Erfahrung und Innovation, zwischen Macht und Kompetenz und zwischen oben und unten sind. Wir brauchen Menschen, die viel mehr dienen als managen. Denn der junge Mensch sehnt sich nach Freiheit und Selbstbestimmtheit und fühlt sich in einem Korsett in dem er herumgezogen und gelenkt wird nicht lange wohl.

Der servant leader ist darum eine Rolle, in der es nicht um ihn geht. Hierbei geht es nicht um Macht und Befugnisgewalt, hier geht es nicht um die Oberhand. Es ist eine stille Rolle, und gerade darum essenziell wichtig.

Wer eignet sich, einen servant leader zu sein? Grundsätzlich jeder. Jeder hat bereits einen ervant leader in sich. Wichtig dabei ist nur, dass diese Rolle endlich sichtbar werden kann und vom Ego-Ich nicht weiterhin verdrängt wird.

Bei dieser Rolle liegt der Fokus nicht bei einem Selbst, sondern im Anderen. Alle Kraft, alles Tun, alles Sein dient dem Anderen, dem Team und der Organisation, ohne dem Selbst dabei zu schaden. Menschen, die erkannt haben, sich nicht mehr im Haben oder im Tun definieren zu müssen, sondern, dass es reicht, im Hier und Jetzt, die Kraft des Seins zu nutzen, um tiefgreifende Transformation im Menschen hervorzurufen, diese Menschen haben es leicht mit der Rolle eines servant leader.

Wie wird man vom Chef zum servant leader?

Oft nicht von heute auf morgen. Manchmal aber auch schon.
Hierbei geht es um die eigene innere Transformation, bei der es um das „Sehen“ geht. Weg vom Denken, weg vom Tun, hin zum Fühlen und Sehen mit dem inneren Auge. Und weil wir westlich geprägten Menschen, die zum Funktionieren erzogen wurden, dies nie gelernt haben, gibt es wundervolle Lehrer wie Katrijn Van Oudheusden, die einfache Bücher wie „Selfless Leadership“ zu diesem Thema schreiben, um Menschen, die mutig genug sind, ihr eingebildetes Ego-Ich loszulassen, in ihren letzten Schritten zu begleiten, endlich wieder das zu „sehen“ was schon immer da war, wir aber nie zu sehen gelernt oder gewagt haben.

Transformation beginnt IM leader

Während der Begleitung von Organisationen in die Selbstführung ist uns aufgefallen, dass, obwohl der Wunsch zur Transformation vom Chef kommt, er derjenige ist, der sich am schwersten tut, an sich zu arbeiten. Nach dem Motto „Bitte mach etwas mit meinem Team und entlaste mich, aber ich bin perfekt so wie ich bin“, macht er es uns und seinem Team nicht leicht, wirklich und nachhaltig voranzukommen. Wir stellen fest, dass sich die Menschen in den Teams sehr gerne mit der Bewusstseinsentwicklung beschäftigen. Sie lassen sich auf persönliche Veränderung, sie arbeiten mit, wenn es um das Verändern von alten Strukturen und das Aufbrechen von alten Routinen geht und sie sind offen für Neues. Wir werden dafür oft ausgebremst von der Haltung und dem inneren Stillstand der Spitze, der Geschäftsleitung oder der Führungskraft. Wovor hat er Angst? Was hindert ihn? Was befürchtet er?

Uns ist klar, wer 20 Jahre lang top down “regierte”, Menschen wie Schachfiguren hin und her schiebt und sich durch seine Stellung – nämlich die ganz oben – definiert, tut sich nicht leicht, mit einer neuen Führungsrolle. Wer bin ich, wenn ich nicht mehr der Chef bin? Woher nehme ich meine Bestätigung, wenn ich mit meinen Mitarbeitern auf Augenhöhe bin? Wie nähre ich mein Ego-Ich, wenn mein Wort nicht mehr Gewicht hat als das der anderen? Bin ich noch der, der ich war, wenn meine Worte die anderen stärken, ich nicht durch Druck manage, sondern durch Liebe, Hingabe und Güte leite und Vorbild bin in allem, was ich mir in meinem Team wünsche?

Auch für Befehlsempfänger, die lediglich ausgeübt haben, ist es nicht leicht, selber Lösungen und Wege zu entdecken und umzusetzen. Auch diese Menschen erfinden sich ein Stück weit neu und entdecken Seiten in sich, von denen sie nichts ahnten.

All dies bedarf einer inneren Entwicklung. Wir nennen das Bewusstseinsentwicklung. Also das Weiterkommen im Bewusstwerden (warum bin ich wie ich bin?) und dem bewussten Sein (alles was ist, ist gut).
Wir sind davon überzeugt, dass kein Unternehmen sich langfristig entwickeln kann, wenn sich nicht die Menschen darin von innen heraus weiterentwickeln. Darum sind für uns die ganzen agilen Tools, wie Scrum, Design Thinking, Lean etc. die es laut vielen Beratern zu lernen und trainieren gilt, lediglich Mittel zum Zweck, - Methoden und Handwerkszeug, die die Bewusstseinsentwicklung unterstützen und dem Menschen in seiner Entwicklung dienen sollen. Sie sind jedoch keine Tools, denen sich der Mensch gegen seinen Willen zu unterwerfen und anzupassen hat.

Wann ist denn der richtige Zeitpunkt, seinen eigenen servant leader zu entdecken?

Du fragst dich nun, wie du dein Team am besten darauf vorbereiten kannst, erste Schritte in diese Richtung zu gehen? Beginne bei dir. In dir steckt schon jetzt, ein servant leader. Beginne heute damit, ihn zu entdecken und ihn zu stärken. Hier findest du einige einfache Tipps, um dein Team schon heute zum Mitdenken anregen und in die Selbständigkeit führen kannst:

  • stelle mehr Fragen und kommunizieren weniger mit Punkt und Ausrufezeichen
  • lade deine Mitarbeiter zum Nachdenken ein: Du brauchst nicht auf jede Frage eine Antwort zu haben
  • verteile die Rolle der Moderation im nächsten Teammeeting in dein Team, vielleicht alphabetisch?
  • sei ehrlich zu dir und deinem Team und lasse sie wissen, wenn du keine Antwort auf Fragen hast
  • stelle Transparenz her – wo immer möglich
  • kommuniziere wertschätzend und stärkend
  • lasse den anderen mehr Raum im Gespräch, biete lediglich die Bühne zum Austausch
  • biete regelmäßige Kommunikationsmeetings sowohl fachlich wie persönlich
  • arbeite an dir und lasse deine Mitarbeiter daran teilhaben – hole dir externe Unterstützung
  • frage aktiv nach Feedback und Verbesserungsideen und nehme es dankbar an


Ernst gemeinte Änderungen im Alltag haben einen großen Effekt auf deine Mitarbeiter und die Kultur in eurem Unternehmen. Denke daran, dein Team ist der Spiegel deiner selbst. Wenn du an dir arbeitest, wirst du in kürzester Zeit Ergebnisse in deinem Team feststellen. Darum ist es nicht sinnvoll, am Spiegelbild herum zu putzen.

Schlusswort

Menschen verlassen ihren Chef, nicht ihr Team. Zeit also, die eigene Führungsrolle zu hinterfragen. Dazu gehört, die Transformation vom Manager zum servant leader. Die Zeiten sind vorbei, in der der Chef auf der Hauptbühne die Show macht und das Team im Hintergrund zuarbeitet. Heute möchten alle auf die Bühne, - groß genug ist sie.

Hast du das verinnerlicht und lebst deine neue Rolle im Alltag, wirst du merken, dass deine besten Mitarbeiter bei dir bleiben und mit dir an sich und dem gemeinsamen Unternehmen arbeiten. Du wirst ein attraktiver Arbeitgeber, der sich selbst als Chef im herkömmlichen Sinne entlastet und seinen Mitarbeitern den Spielraum bietet, den sie für sich brauchen. Ihr werdet gemeinsam schnell auf Marktveränderungen reagieren können, zielgerichtet vorankommen, euch gegenseitig motivieren und antreiben. Für diesen Weg, den Weg der Transformation in Richtung Selbstorganisation, geführt von einem servant leader, gibt es keine Alternative.