27.07.2022

Agil – Grundlagen einer neuen Dimension

Von
SelbstorganisationFührung
„Wir müssen agil werden…“ wurde oben delegiert und unten zähneknirschend umgesetzt…. Dass es dabei nicht mit Methoden, neuen Strukturen und Kommunikationsroutinen getan ist, stellen nun immer mehr Unternehmen fest. Denn trotz Scrum, Holacracy und Design Thinking steigt die Demotivation, die Fluktuation und der Verschleiß von guten Führungskräften. Back to the roots oder um was geht es wirklich?

In diesem Blog zeigen wir, was die Basis wirklicher und gelebter Agilität ist und warum Agilität in der Tiefe, zur wahren Größe führt.

Alles schreit Agil!

Um auf schnelle Märkte zu reagieren, Menschen anzuziehen und zu halten, Führungskräfte zu entlasten und immer schneller zu reagieren, kennt nur eine Antwort: Agilität. Doch agil auf Knopfdruck funktioniert nicht. Agilität ist keine Methode, keine neue Struktur und kein Trainingsprogramm. Agil ist der Mensch in seinem Denken, Vorstellen, Entscheiden und Handeln. Und der Mensch spielt eine Schlüsselrolle. Denn das Schaffen von Wohlstand ist von Geld und Dingen auf die Menschen übergegangen. Die Wettbewerbsfähigkeit hängt davon ab, talentierte Leute einzustellen, zu halten und zu entwickeln.
Doch wo immer der Mensch ins Spiel kommt, weichen Führungskräfte und Personaler erschrocken zurück: „Bei uns Menschelts halt.“ - Ein Satz der die Ohnmacht in Bezug zum Menschsein widerspiegelt. Doch sind Menschen wirklich derart kompliziert, wie wir bisher glaubten?

Ein simples Konstrukt: Der Mensch

Geist, Verstand, Herz und Körper. Das ist der Mensch. Mehr nicht. Heißt, der Mensch möchte Leben, Lernen, Lieben und ein Lebenswerk schaffen. Mehr nicht. Somit hat er vier unterschiedlich ausgereifte Intelligenzen: Die physische Intelligenz (PQ), die mentale Intelligenz (IQ), die emotionale Intelligenz (EQ) und die spirituelle Intelligenz (SQ). Mehr nicht. Daraus lassen sich vier Attribute ableiten: Disziplin, Vision, Leidenschaft und das Gewissen. Ein Mensch, der sich seiner bewusst ist, kennt und lebt darum seine Bedürfnisse, seine Talente, seine Leidenschaften und seine Werte. Mehr nicht.

Erkennen, entwickeln und respektieren wir unsere vier Intelligenzen, dann entfachen wir das Feuer in uns und wir finden unsere innere Stimme (nach Stephen R. Covey)

Holacracy steht für Ganzheitlichkeit. Ganzheitlichkeit auch im Menschen. Ist er es doch, der eine Organisation, ein Team, eine Familie ausmacht. Kann sich ein Mensch ganzheitlich einbringen, sich entwickeln und seine vier Intelligenzen, mit denen seiner Kollegen verbinden, entsteht eine neue Dimension der Zusammenarbeit. Hier kann kaum mehr von Arbeit (lt. Duden Mühe, Plage, Last) gesprochen werden, sondern viel mehr von Erfüllung, Entfaltung, Gestaltung und Wirkung.

Agile Methoden – die Wunderpille?

Uns dieser Einfachheit des Menschen unbewusst und geprägt durch zu viel Management und zu wenig Führung, geprägt durch veraltete machtorientierte Strukturen und Umgangsformen, geprägt, dass der Mensch als Ressource gemanagt wird – als schlechter Maschinenersatz, glauben wir, Agilität einkaufen und antrainieren zu können. Gibt es doch unzählige Botschafter, die uns ein Agiles-Mindset anhand eines Methoden-Toolkoffers anpreisen. Schnell gekauft, schnell probiert, dazu noch einen Agile-Coach eingestellt und alles läuft weiter wie gewohnt - nur noch schlechter.

Das führt zu erhöhtem Frust, Demotivation, Stress und das wiederum zu einem erhöhten Krankenstand, Kündigungen und Burnout. Alltag in den meisten Unternehmen. Wer kann sich das noch leisten? Und wer hat dann noch die Zeit und Motivation, etwas tiefer zu gehen und das Thema Agilität ganzheitlich zu betrachten? Wer nimmt sich die Zeit, sich mit dem wertvollsten das er hat zu beschäftigen: Dem Menschen?

„Viel zu viel von dem was wir Management nennen, besteht darin, den Leuten ihre Arbeit schwer zu machen.“  - Peter Drucker

Schlüsselfunktion Mensch – alte Denkmuster hinterfragen

Was passiert, wenn Menschen wie Dinge gemanagt werden?

  • Der Chef entscheidet meist alleine, weil er alles besser weiß.
  • Es werden Regeln eingeführt, weil Menschen die Zukunft nicht zu wissen brauchen, sondern nur tun sollen, was ihnen durch Regeln gesagt wird.
  • Den Menschen wird nicht vertraut und sie werden rein extrinsisch mit Zuckerbrot und Peitsche motiviert.
  • Prozesse und Systeme werden so angepasst, dass der Mensch möglichst effizient funktioniert.

Dies führt zu Schmerzen. Denn der Mensch leidet. Und die Organisation leidet mit ihnen: Wenig Vertrauen in den Chef und das Team, keine gemeinsame Vision, Demotivation und eine mangelnde Ausrichtung führen zu einer geringen Qualität, steigenden Kosten und unflexiblen, langsamen Entscheidungen.

Menschen gehören geführt (befähigt). Dinge gemanagt. Denn Menschen haben im Vergleich zu Dingen, die Freiheit zu wählen. Und sie wählen, je begehrter sie auf dem Arbeitnehmermarkt werden, immer öfter nicht das, was ihnen Schmerzen bereitet.

Agil Führen – die dienende Führungskraft

Führung bedeutet, dem Menschen so klar zu vermitteln, wie groß sein Wert und sein Potential ist, dass er schließlich beides selbst in sich erkennt. Dieser Wert und dieses Potential ist unabhängig vom Vergleich mit anderen. Der Mensch besteht aus Geist, Verstand, Herz und Körper. Um Menschen ganzheitlich zu führen, bedarf es darum einer neuen, effektiven Führungsrolle. Diese Rolle beinhaltet ein Vorbild (Geist), Visionär (Verstand), Coach (Herz) und Koordinator (Körper).

Erfolgreiche Führungskräfte im agilen Arbeitsumfeld sind daher
  • Charakterstark (hinterfragen ihre Gewohnheiten, Integrität, Vertrauen, analytisches Denken)
  • Geben eine Richtung vor (Vision, Kunden, Zukunft)
  • Mobilisieren individuelles Engagement (fordern, fördern, stärken und teilen Macht)
  • Erzeugen eine organisationsbezogene Leistungskultur (bauen Teams auf, handhaben Veränderungen)

Agile Leader geben nicht mehr vor, sie fragen nach. Sie werden zum Dienstleister ihrer Mitarbeiter. Ihr Ziel ist Befähigung. Wir nennen sie servant leader.


„Great leaders don`t set out to be a great leader … they set out to make a difference. It`snever about to role – always about the goal.“  - Dr. Wayne Dyer


Der servant leader weiß, nur wenn sich der Mensch entwickelt und das nicht in seinen Skills und fachlichen Kenntnissen, sondern in Balance mit Geist, Verstand, Herz und Körper, dann wird sich automatisch auch seine Organisation entwickeln.

Er arbeitet intensiv an sich selbst und schafft die gängigen Hinderungen von Befähigung aus dem Weg. Das wären, laut einer Befragung von 3500 Managern von S. R. Covey,

  • die Angst loszulassen
  • nicht oder falsch ausgerichtete Systeme
  • fehlende Fähigkeiten der Manager
  • fehlende Fähigkeiten der Mitarbeiter
  • verantwortungsangst der Mitarbeiter
  • zu beschäftigte Manager

Sein Fokus gilt den vier Bedürfnissen des Menschen nach Leben, Lernen, Lieben und ein Lebenswerk schaffen. Indem er ihre Bedürfnisse erfüllt, schafft er eine Kultur des Vertrauens.

Hier begegnen sich Menschen, die voller Leidenschaft wirken. Sie sind kunden- und lösungsorientiert, brennen für den gemeinsamen Erfolg, sind füreinander da und entlasten ihn, ihren Chef in seiner alten Manager-Rolle.

Agil zu führen, beginnt im Inneren: Der servant leader wird darum:

  1. Vorbild sein
  2. Sinn und Zweck klar vermitteln
  3. Kultur schaffen, in der Menschen Menschen sein dürfen
  4. Entwicklungsperspektiven bieten und ermöglichen
  5. Verbindung stärken
  6. Bedürfnisse befriedigen und Raum schaffen, um Bedürfnisse zu befriedigen
  7. Wertschätzung, Respekt und Dankbarkeit zeigen


“Wenn wir durch ein großes Ziel inspiriert werden, durch ein außergewöhnliches Projekt, sprengen unseren Gedanken alle Schranken. Unser Verstand erhebt sich über Grenzen, unser Bewusstsein dehnt sich in alle Richtungen aus und wir finden uns in einer neuen, großartigen, wundervollen Welt wieder.”  - Aus dem Jogasutra von Patanjali

Neue Dimensionen eröffnen sich

Wird der Mensch in seinem Wesen verstanden – und seine 4 Grundbedürfnisse befriedigt, geht es nicht mehr darum Regeln zu befolgen, Richtlinien zu etablieren und Prozesse zu lehren. Hier haben wir es mit Menschen zu tun, die agil denken, handeln und Agilität leben: Es sind Menschen, die schnell auf Veränderungen reagieren, innovativ sind, schnelle Erfolge erzielen, ohne die Vision aus den Augen zu verlieren, sich selbst motivieren und sich und ihre Routinen und Methoden immer wieder hinterfragen.

„Das haben wir immer schon so gemacht“, ein Satz, den man hier nicht hört. Sie sehen Diversität und nutzen sie, um zu wachsen. Sie stellen Fragen, probieren aus, lernen aus Irrtümern und entwickeln sich von innen heraus. Diese Menschen fühlen sich ganzheitlich wohl, schätzen sich wert, respektieren einander und geben sich gegenseitig Raum und Feedback zum Wachstum.
Verkopft ist pasé: Diese Unternehmen machen intuitiv viel richtig. Denn sie sind im Einklang mit Geist, Verstand, Herz und Körper.

„Die Intuition sagt dem denkenden Verstand, wohin er als Nächstes blicken soll.“ - Dr. J Salk

Zusammenfassung

Agilität in der Tiefe gelebt, eröffnet Mensch und Organisation eine neue Dimension. Hier müssen weder neuartige Methoden teuer eingekauft und in Trainings eingetrichtert, noch Rollen erarbeitet und aufgedrückt werden. Hier sind Menschen im Flow und finden ihre eigenen wirkungsvollen Methoden. Der Fokus in einer agilen Organisation gilt darum den Individuen und ihren 4 Grundbedürfnissen nach Leben, Lernen, Lieben und einem Lebenswerk schaffen. Der servant leader spielt dabei die Schlüsselrolle als Vorbild, Visionär, Coach und Koordinator. Sein Fokus gilt dem empowerment und enablement seiner Individuen und Teams. Entwickelt sich nämlich der Mensch weiter und befindet sich in Balance seiner Intelligenzen, entwickelt sich die Organisation von innen heraus, zwanglos, drucklos, agil.